Die meisten Menschen, mit denen ich in der Beratung über die Unfallversicherung rede, leben in einem Missverständnis. Sie glauben, ihr Arbeitgeber habe sie „schon irgendwie" versichert. „Ich bin doch über die Firma unfallversichert, oder?". Die Antwort ist ein verzwicktes „Ja, aber". Ja, die gesetzliche Unfallversicherung greift — solange Sie auf der Arbeit sind oder auf dem direkten Weg dorthin. Aber eben auch nur dort. Und das ist, wenn man sich die Statistik anschaut, ein erschreckend kleiner Teil des Lebens. Die meisten Unfälle passieren nicht auf der Arbeit, sondern in der Freizeit und im eigenen Haushalt. Und genau dort lässt die gesetzliche Unfallversicherung Sie im Stich.
Die zwei Welten: gesetzlich und privat
Das deutsche System kennt zwei verschiedene Unfallversicherungen, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie das gleiche Wort im Namen tragen. Die gesetzliche Unfallversicherung ist eine Sozialversicherung, getragen von den Berufsgenossenschaften. Sie ist für Arbeitnehmer verpflichtend, wird vom Arbeitgeber bezahlt, und ihr Schutzraum ist strikt auf den Arbeitsbereich begrenzt: Arbeitsunfall, Wegeunfall zwischen Wohnung und Arbeit, Berufskrankheit. Das war's.
Die private Unfallversicherung ist ein freiwilliger Vertrag, den jeder für sich oder seine Familie abschließen kann. Sie gilt 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, weltweit, und in allen Lebenssituationen — ob beim Kochen, beim Sport, im Urlaub oder beim Wochenendausflug. Sie kennt keinen Unterschied zwischen „Ist gerade Arbeit?" und „Ist gerade Freizeit?". Ein Unfall ist ein Unfall, egal wo er passiert.
Der Unterschied zwischen den beiden ist größer, als die meisten denken. Die gesetzliche Unfallversicherung zahlt im Kern nur dann Geld, wenn Sie arbeitsunfähig werden — also eine monatliche Verletztenrente, die sich am letzten Gehalt orientiert, bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit ab 20 Prozent. Die private Unfallversicherung zahlt dagegen in der Regel eine Einmalsumme, die Sie frei verwenden können: für Umbauten am Haus, für einen behindertengerechten Pkw, für Therapien, für den Ausgleich von Verdienstausfall. Zwei völlig verschiedene Logiken, die zwei völlig verschiedene Lücken abdecken.
Wo die Unfälle wirklich passieren
Die Statistik des Bundesanstalts für Arbeitsschutz und der gesetzlichen Unfallversicherung ist hier erstaunlich deutlich. Von allen Unfällen in Deutschland, die ärztlich behandelt werden müssen, ereignet sich nur ein Bruchteil auf der Arbeit oder dem Arbeitsweg. Der mit Abstand größte Teil passiert dort, wo die gesetzliche Versicherung nicht greift:
Wo passieren Unfälle in Deutschland?
Aufteilung der Unfälle nach Lebensbereich — und wo die gesetzliche Unfallversicherung überhaupt zahlt.
Orientierungswerte aus Statistiken des Bundesanstalts für Arbeitsschutz und der DGUV. Die private Unfallversicherung greift bei allen diesen Kategorien — die gesetzliche nur bei Arbeit, Arbeitsweg sowie Schul- und Kita-Besuchen.
Das ist die zentrale Lücke. Rund sieben von zehn Unfällen passieren dort, wo die gesetzliche Unfallversicherung nicht hinsieht. Ein Sturz von der Leiter beim Aufhängen eines Bildes. Ein Fahrradunfall auf der Sonntagsfahrt. Ein Ski-Unfall im Urlaub. Ein Schnitt beim Kochen. Eine Treppenstufe im Keller, die plötzlich nachgibt. All das sind keine „Arbeitsunfälle" — also auch keine Fälle für die Berufsgenossenschaft.
Die fünf wichtigsten Stellschrauben im Tarif
Wer eine private Unfallversicherung abschließt, sollte fünf Punkte besonders im Blick haben. Jeder dieser Punkte entscheidet darüber, ob die Police im Ernstfall wirklich trägt — oder ob sie nur eine Beitragsrechnung ohne echten Schutz ist:
- Grundinvaliditätssumme: die Basis für die Auszahlung. Sie sollte für Erwachsene mindestens bei 100.000 Euro liegen, besser deutlich höher — gerade bei Progression.
- Progression: der Multiplikator für schwere Invaliditäten. 225, 350 oder 500 Prozent. Je höher, desto stärker steigt die Leistung bei ernsten Unfällen.
- Gliedertaxe: die Tabelle, die festlegt, welcher Körperteil welchen Prozentsatz ausmacht. Eine verbesserte Gliedertaxe kann bei bestimmten Verletzungen Zehntausende Euro Unterschied machen.
- Unfall durch Eigenbewegung: wichtig — auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Detail aussieht. Gute Tarife zahlen auch bei Verletzungen, die nicht durch äußere Einwirkung entstehen, etwa beim Stolpern oder einem Bänderriss.
- Kraftanstrengung: Muskeln, Sehnen, Bänder und Meniskus — die häufigsten Verletzungen im Alltag. Nicht alle Tarife schließen sie ein, und wer als sportlich aktiver Mensch lebt, sollte darauf ausdrücklich achten.
Ich erzähle Ihnen jetzt etwas, das sich in der Beratung immer wie ein schlechter Witz anhört, aber leider eins zu eins der Wahrheit entspricht: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Büro, es ist halb elf, Sie haben gerade eine anstrengende Meeting-Reihe hinter sich, Sie stehen auf und gehen auf die Toilette. Auf dem Gang in Richtung des stillen Örtchens rutschen Sie aus und brechen sich das Handgelenk. Der nüchterne Blick auf die Rechtslage lautet — und bitte halten Sie sich jetzt fest: Dieser Unfall ist nicht über die gesetzliche Unfallversicherung gedeckt. Warum? Weil der Weg zum Klo als „eigenwirtschaftliche Tätigkeit" gilt. Sie gehen ja schließlich in Ihrem eigenen Interesse, nicht im Interesse des Arbeitgebers. Gleiches gilt übrigens für den Weg in die Küche zum Kaffeeholen oder zum Snackautomat. Ich bekomme bei dem Gedanken immer noch einen schiefen Mundwinkel, weil es so absurd klingt — aber genau so ist die Rechtslage seit Jahren. Mein ehrlicher Rat an alle Büroarbeiter da draußen lautet daher, nur halb ironisch: Bitte fallen Sie nicht auf dem Weg zum WC. Oder, falls Sie das nicht hundertprozentig garantieren können: Schließen Sie bitte eine private Unfallversicherung ab. Sie ist dann immerhin eine Police, die sich gewissermaßen für die Toilettenpause zuständig fühlt.
Die vier häufigsten Fehler bei der Unfallversicherung
- 1.Zu niedrige Invaliditätssumme. 25.000 oder 50.000 Euro Grundsumme sind bei einem schweren Unfall ein Tropfen auf den heißen Stein. Für Erwachsene sind 100.000 Euro als Grundlage mit Progression das Minimum.
- 2.Keine Progression. Ohne Progression bringt eine schwere Invalidität proportional die gleiche Auszahlung wie eine leichte. Mit 350 Prozent Progression wird der Schutz genau dort stark, wo er am dringendsten gebraucht wird.
- 3.Unfallversicherung als Ersatz für BU gedacht. Die meisten Menschen werden nicht durch Unfälle, sondern durch Krankheiten berufsunfähig. Die UV ist eine Ergänzung, kein Ersatz für die Berufsunfähigkeitsversicherung.
- 4.Kinder vergessen. Kinder sind in Kita und Schule gesetzlich unfallversichert — aber nicht zu Hause, im Urlaub oder in der Freizeit. Eine Kinder-Unfallversicherung kostet wenig und kann im Ernstfall existenziell wichtig sein.
Wer braucht sie — und wer nicht?
Die ehrliche Antwort ist: Die private Unfallversicherung lohnt sich besonders für Menschen, bei denen eine schwere bleibende Invalidität besonders hohe finanzielle Folgen hätte, und bei denen eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht oder nicht in ausreichendem Umfang möglich ist. Dazu gehören Kinder (für die keine BU möglich ist), Hausfrauen und Hausmänner, Selbstständige mit hohem körperlichem Einsatz, Senioren nach dem Berufsleben, und alle, die durch Vorerkrankungen keine BU zu vertretbaren Konditionen bekommen.
Für die meisten Erwerbstätigen im mittleren Alter gilt: Die Berufsunfähigkeitsversicherung hat Priorität vor der Unfallversicherung. Wer beides haben kann, ist am besten abgesichert. Wer nur eines leisten kann, sollte in aller Regel erst die BU abschließen — denn statistisch sind Krankheiten die weitaus größere Gefahr für die Arbeitskraft als Unfälle.
Mein Rat aus 15 Jahren Praxis
Wer Kinder hat, sollte über eine Kinder-Unfallversicherung nachdenken. Sie kostet wenig, deckt genau die Stunden ab, in denen die gesetzliche nicht greift (Nachmittag, Wochenende, Urlaub), und sie sichert finanzielle Mittel für den Ernstfall einer bleibenden Behinderung. Die Fähigkeit, ein Haus umzubauen oder einen behindertengerechten Pkw anzuschaffen, kann im Moment des Unfalls existenziell werden — und niemand möchte dann über Kredite nachdenken müssen.
Häufige Fragen zur Unfallversicherung
Nur Arbeitsunfälle, Wegeunfälle und Berufskrankheiten. Alles, was in der Freizeit, im Haushalt oder während der Mittagspause passiert, fällt nicht darunter. Die private UV schließt genau diese Lücke.
Eine Tabelle, die festlegt, welcher Körperteil welchen Prozentsatz ausmacht. Der Verlust eines Arms entspricht z. B. 70 Prozent. Verbesserte Gliedertaxen zahlen höhere Prozentsätze und lohnen sich im Ernstfall spürbar.
Ein Multiplikator, der bei schweren Invaliditäten überproportional höhere Auszahlungen bewirkt. Üblich sind 225, 350 oder 500 Prozent. Der Sinn: Der Schutz ist dort am stärksten, wo er am meisten gebraucht wird.
Nein. Die UV zahlt nur bei Unfällen. Die meisten Berufsunfähigkeiten entstehen jedoch durch Krankheiten — vor allem psychische Leiden und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Die UV ist eine Ergänzung, kein Ersatz.
In Kita und Schule ja, auf dem Weg dorthin auch. Aber nicht zu Hause, im Urlaub oder in der Freizeit. Eine Kinder-Unfallversicherung schließt diese Lücke und ist im Verhältnis zum Schutz sehr günstig.
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WhatsApp schreibenFazit in drei Sätzen
Erstens: Die gesetzliche Unfallversicherung ist kein Allround-Schutz, sondern ein enger Schutzraum für Arbeit und Arbeitsweg. Rund sieben von zehn Unfällen passieren außerhalb dieses Schutzraums — und damit außerhalb der gesetzlichen Leistung.
Zweitens: Die private Unfallversicherung füllt genau diese Lücke. Sie gilt 24 Stunden am Tag, weltweit, und zahlt im Ernstfall eine Einmalsumme, die Sie frei verwenden können. Besonders wichtig für Kinder, Selbstständige und Menschen, die keine BU bekommen.
Drittens: Sie ersetzt nicht die Berufsunfähigkeitsversicherung. Wer beides haben kann, ist am besten geschützt. Wer nur eines leisten kann, sollte in aller Regel die BU priorisieren — denn Krankheiten sind statistisch die weitaus größere Gefahr für die Arbeitskraft als Unfälle.